Ärztehaus Kornwestheim Gemeinschaftspraxis für urologie

Dr. med. Thomas Müller

Hodenhochstand Orchidopexie Funikulolyse

Hodenhochstand, Hodenretention, Kryptorchismus oder Maldescensus Testis

Allgemeines
Hodenhochstand, Hodenretention, Kryptorchismus oder Maldescensu testis, sämtliche Worte können synonym verwendet werden. Hierbei handelt es sich um einen fehlerhaften Abstieg (Descensus) eines oder beider männlicher Hoden (Gonaden) aus der Nierenregion in den Hodensack (Skrotum).
Es handelt sich um eine angeborene Erkrankung. Bei termingerechten neugeborenen Jungen zeigt sich eine Lageanomalie bei 5-7 %. Bei frühgeborenen Jungen bis zu 30 %. Nach der Geburt kann es zu einem weiteren Descensus (Abstieg des Hodens) kommen. Bei allen 1 jährigen Jungen wird ein Maldescensus mit einer Wahrscheinlichkeit von ca. 2-3 % festgestellt.

Op

Hodenhochstand

Die Anlage des Hodens befindet sich im 2. – 3. Schwangerschaftsmonat in der Nierenregion zum 1. – 3. Lendenwirbelkörper zugewandt. Bei einem natürlichen Abstieg (Descensus) des Hodens wandert der Hoden von dieser Region zum inneren Leistenring im seitlichen Beckenbereich, nimmt dort seine Hodenhüllen (Processus vaginalis testis) mit. Die Wanderung geht dann weiter durch den Leistenkanal in den Hodensack (Skrotum).

Lageanomalien

Die Ursachen eines Hodenhochstandes (Maldescensus testis)
Die Ursachen eines Hodenhochstandes sind multifaktoriell. Eine Stenosierung (Durchgangsverengung) der natürlichen Abstiegswege von der Nierenregion zum Hodensack (Skrotum). Verwachsungen im Bauchraum oder Leistenkanal, hormonelle Störungen (Testosteron oder testosteronsteuernde Hormone), sowie Fehlen des Gubernakulum testis des G. testis.
Bei der wohl wichtigsten Fehlsteuerung die zu einer Hodenlageanomalie führt, wird die endokrinologische (hormonelle) Ursache diskutiert. Hormone und Mediatoren scheinen den gesamten Abstieg aus der Nierenregion bis in das Skrotum zu steuern. Der genaue Mechanismus ist bisher nicht geklärt.

Unterschiedliche Formen der Hodenfehllagerung

Abdomineller Kryptorchismus (Bauchhoden).
Hierbei hat die Hodenanlage von Ihrer Ausgangsregion nur einen geringen Abstieg vollzogen. Ein Bauchhoden kommt in 5 % aller Fälle vor.

Leistenhoden

Bei Leistenhoden handelt es sich um die häufigste Form der Fehllagerung. Bei ca. 60 -70 % der Fälle handelt es sich um einen Leistenhoden. Der Leistenhoden lässt sich vom Untersucher mit den Händen nicht aus dem Leistenkanal in das Skrotum verschieben. Selbiger verbleibt im Leistenkanal.

Hodenektopie

Bei der Hodenektopie um sehr seltene Formen des Hodenhochstandes. Hierbei kam die Hodenanlage z.B. im Dammbereich, Oberschenkelbereich oder im Bereich des Penis zum stehen.

Pendelhoden

Beim Pendelhoden handelt es sich um einen Hoden, der sowohl im Leistenkanal als auch im Skrotum liegen kann. Seine typische Eigenschaft ist die Fähigkeit zwischen diesen beiden Regionen permanent hin und her pendeln zu können.

Gleithoden

Beim Gleithoden handelt es sich ebenfalls um einen Leistenhoden. Der Gleithoden liegt im Leistenkanal, lässt sich vom Untersucher mit den Händen in das Skrotum verlagern. Wird er allerdings losgelassen, verlagert sich der Hoden sofort wieder in den Leistenkanal zurück.

Diagnostik

Körperliche Untersuchung.
Das Skrotalfach zeigt sich beim Betrachten oder beim Betasten leer. Eine Schmerzsymptomatik liegt beim Hodenhochstand nicht vor.

Laboruntersuchungen

Bei einem fraglichen Hodenhochstand lässt sich durch eine Laboruntersuchung im Blut der Testosteronspiegel bestimmen. Im Urin des Jungen kann 17-Ketosteroid und die Gonadotropine nachgewiesen werden, somit kann zwischen einem primären Hypogonadismus und einer primären Hypophysenunterfunktion unterschieden werden.

HCG-Test

Durch ein Hormon (HCG), welches den Jungen durch eine Injektion zugeführt wird, lässt sich das Testosteron stimulieren. Nach ca. 24 – 32 Stunden kommt es zu einem deutlichen Anstieg des Testosterones im Blut. Dieser Testosteronanstieg kann gemessen werden.

Sonographie

Die Sonographie ist die einfachste und sinnvollste Untersuchung um den Hoden im Leistenkanal darstellen zu können. Erfahrene Untersucher können selbigen auch im Bauchraum finden.

MRT

Sollten durch die o.g. Untersuchungen der Hoden nicht gefunden werden können, wird in aller Regel eine Kernspinuntersuchung durchgeführt. Somit besteht die Chance den Hoden im Bauchraum genau lokalisieren zu können.

Computertomographie und Phlebographie der Vena testikularis
Diese 2 Untersuchungen werden heute in aller Regel nicht mehr durchgeführt, da die Strahlenbelastung oder Effektivität der Untersuchung nicht zureichend sind.

Therapieziel

Es besteht mittlerweile große Einigkeit beim Therapieziel. Die Behandlung des Hodenhochstandes sollte mit dem 2. Lebensjahr abgeschlossen sein!

Warum?
Komplikationsmöglichkeiten des dystopen (fehlgelagerten) Hodens:
Der fehlgelagerte Hoden beinhaltet mehrere Risiken für den Jungen. Es ist davon auszugehen, dass nach dem 2. Lebensjahr die Abnahme der Spermatogonienzahl (Bei den Spermatogonien handelt es sich um Spermienmutterzellen) sich um bis zu 50 % bezüglich der Normwerte reduziert. Ausserdem muss bei den noch vorhanden gebliebenen Spermatogonien davon ausgegangen werden, dass es zu einer weiteren Schädigung der Spermienzellen kommt. Für die gesunde Spermienbildung ist eine Körpertemperatur von durchschnittlich 35 ° notwendig, also 2 ° Celsius weniger als die normale Körperkerntemperatur. Deshalb muss der Hoden außerhalb des Körperstammes liegen, um reichlich gesunde Spermien bilden zu können.

Desweiteren zeigt sich bei dystopen Hoden eine Zunahme von Hodenbindegewebe und eine Abnahme der Leydigzellen (Testosteronbildende Zellen).

Das Risiko ist beim dystopen Hoden deutlich erhöht, um sich bösartig zu verändert. Ein dystoper Hoden im Leistenkanal kann 20-30 mal häufiger an einem Hodentumor erkranken, ein Bauchhoden 30 – 40 mal häufiger als ein orthotoper (im Skrotum gelegen) Hoden.
Interessanterweise ist auch ein orthotop, kontralateral gelegener Hoden mit einem höhren Risiko maligne zu entarten behaftet. Die Ursache hierfür ist nicht geklärt. Es werden allerdings bestimmte Mediatoren diskutiert, die dieses Karzinomrisiko erhöhen.

Ein dystop gelegener Hoden neigt häufiger zu einer Hodenverdrehung (Hodentorsion). Hierbei dreht sich der Hoden um die eigene Samenstrangachse, die Blutzirkulation über die Arterie und Vene ist nicht mehr möglich. Im schlimmsten Falle kommt es zum Absterben des Hodens.

Therapiemöglichkeiten

Unserer Ansicht nach gehört jeder dystope Hoden behandelt oder regelmässig kontrolliert. Lediglich der Pendelhoden, welcher sich meistenteils im Skrotum befindet, bedarf keiner medikamentösen oder operativen Therapie. Selbiger sollte allerdings einmal im Jahr kontrolliert werden. Zeigt der Verlauf mit zunehmendem Alter, dass der Hoden dann doch vermehrt im Leistenkanal anzutreffen ist, ist auch hier die weitere Behandlungsindikation gegeben.

Medikamentöse Therapie
Unserer Ansicht nach sollte stets mit der medikamentösen Therapie beim dystopen Hoden begonnen werden. Bei der medikamentösen Therapie handelt es sich um eine Hormontherapie, die den weiteren Descensus des Hodens anregt. In erster Linie kommt ein Nasenspray (Kryptocur) zum Einsatz, es wird 3mal täglich je ein Sprühstoss in jedes Nasenloch über 3 – 4 Wochen gegeben. Selbiges kann allein, oder bei nicht ausreichendem Therapieerfolg mit einem anderen Hormon, dem HCG (Primogonyl) als Injektion in den Muskel verabreicht werden. Selbiges wird für 30 Tage 3mal alle 10 Tage injiziert. Kommt es zu keinem ausreichenden Erfolg, kann ein 2. Behandlungszyklus durchgeführt werden, oder die Indikation zur operativen Therapie gestellt werden.

Operative Therapie
Bei der operativen Therapie handelt es sich um das Aufsuchen des dystopen Hodens an seiner fehlgelagerten Stellen. Es erfolgt die Freipräparation und Mobilisierung des selbigen. Der Hoden wird in das Skrotum verlagert. Ein mitentscheidender Operationsschritt, welcher zum Erfolg der Operation führt, ist die Funikulolyse. Hierbei werden sämtliche Muskelfasern (Muskulus kremaster), die den Samenstrang umgeben, durchtrennt. Auf diese Art und Weise kann der in das Skrotum verlagerte Hoden nicht mehr in den Leistenkanal zurückgezogen werden. Deshalb muss die Orchidopexie und Funikulolyse immer gemeinsam durchgeführt werden.

OP-Film (bitte Hinweise beachten)
Sonderformen der Behandlung eines dystopen Hodens
Wird, aus welchen Gründen auch immer, ein dystoper Hoden erst in höherem Lebensalter diagnostiziert, vertreten wir die Ansicht, auch diesen Hoden in Abhängigkeit von der individuellen Situation, medikamentös oder operativ zu behandeln. Wir gehen davon aus, dass zu jedem Zeitpunkt das individuelle Optimum für die weitere Hodenentwicklung angestrebt werden sollte. Niemand kann bei einem verspätet diagnostizierten dystopen Hoden mit letztendlich Sicherheit beurteilen, welcher Fertilitätsgrad dieser Hoden im geschlechtsfähigen Alter haben wird. Desweiteren kann niemand genau abschätzen, welche Möglichkeiten die Refertilisierungsmedizin in 5, 10 oder 20 Jahren haben wird. Vielleicht wird es dann möglich sein, auch mit einem spärlichen vitalen Hodenrestgewebe eine Schwangerschaft einleiten zu können.

Von diesem Gedanken geleitet, vertreten wir den Standpunkt, jeden dystopen Hoden an seinen, von der Natur angedachten Platz im Skrotum zu verlagern.